Oft
gestellte Fragen und Manfred Braun’s Antworten
Wie
ist es zu Ihrem Gedächtnisausfall gekommen?
-
Bei einem Verkehrsunfall hatte ich eine Gehirnquetschung
erlitten.
Die Durchblutung eines Bereiches im Gehirn war gestört, und ich war etwa 4
Wochen bewußtlos.
Was hatten Sie vergessen und wie lange?
- Anfangs alles. Nach den 4 Wochen Koma hatte ich anfangs kurze Wachphasen,
aber "kein Leben in den
Augen" (so beschreibt meine Schwester die erste Zeit).
Ich war immer wieder sehr schnell ermüdet. Ich habe sicher irgendwas
gesagt und gedacht, aber ich konnte Phantasie und Wirklichkeit nicht
unterscheiden. Ich habe auch keine Erinnerung an die ersten Wochen nach dem
Koma.
Meine Erinnerung an die Zeit danach setzt wieder ein etwa 10 Wochen nach dem
Unfall, aber ich war ein Fremder im eigenen Körper.
Ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen Gefühl und Schmerz, und es
ist mir passiert, daß ich zur Toilette ging und dort nicht mehr wußte, wie es
nun weitergeht.
Mit jeder Woche wusste ich wieder mehr von früher als vorher, und ich meinte
auch bald, daß ich das Wichtigste wieder beisammen hätte, aber es ist wie beim
Erklimmen eines Berges: Man denkt, man sei fast da, und trotzdem dauert es noch
ewig lang, bis man oben ist.
Beim Berg sieht man allerdings, wenn man oben ist, - aber ich weiß und wußte
ja nie, was ich nicht weiß. und was noch fehlt.
Das fehlende - kognitive - W i s s e n ist auch nur ein Teil des Problems.
Schwieriger ist es noch, sich wieder Erfahrung anzueignen, wieder
Feingefühl zu erwerben, wieder "ins Lot" zu kommen, "das persönliche
Gleichgewicht" wieder zu finden.
Haben Sie Ihr ganzes Leben vergessen oder
Teile davon?
- Ich hatte alles vergessen, aber Teile waren manchmal erreichbar: Einzelne
Erinnerungsfetzen trieben durch mein Hirn "wie Eisschollen auf dem
Meer", - so bescheibt meine Schwester die erste Zeit.
Ich fühlte mich anfangs wie ein Kleinkind, und hatte auch Erinnerungen an meine
Kindheit - die umso deutlicher, je weiter zurück.
Wenn man mich als "Manfred" ansprach, fühlte ich mich angesprochen,
aber wenn man mich nach meinem Namen fragte, dann wußte ich den nicht.
Ich meinte manchmal, ich hätte mit meinem Vater gesprochen, doch der war schon
lange tot. Solange ich ungestört oder imTraum Dinge tat, da ging alles
halbwegs, aber sobald ich selbst darüber nachdachte oder unterbrochen wurde,
dann wußte ich nicht mehr, was ich sagen oder tun wollte, hatte den
Anfang vom Satz vergessen oder überhaupt das ganze Thema. Die Leute die mich
besuchten waren mir einerseits meist vertraut, aber andererseits konnte ich sie
nicht identifizieren, manche waren mir auch völlig fremd.
Hatten Sie auch Probleme damit, sich
Dinge aktuell zu merken?
- Ich hatte und habe immer noch Probleme damit mir Dinge zu merken z.B. was
ich mittags gegessen habe. Mein Kurzzeitgedächtnis war ultrakurz, - eigentlich
ganz außer Kraft. Wenn ich aus dem Bett aufgestanden war, wußte ich nicht
mehr, welches mein Bett war. Wenn Besucher durch die Tür gingen, habe ich sie
neu begrüßt.
Welche Einschränkungen spüren Sie heute
noch von Ihrer Amnesie?
- Ich habe wie gesagt meine liebe Not mit dem Gedächtnis, meine linke Körperhälfte
fühlt anders als die rechte, ich habe Mühe die Bilder beider Augen zu
zentrieren, das linke Schlüsselbein war damals gebrochen, und das war bei den
vordringlichen anderen Befunden übersehen worden und wurde erst nach Jahren
entdeckt. Die Schulter schmerzt oft, speziell bei Wetterwechsel. Ich bin
begrenzt belastbar, und bei mir "fällt der Groschen" oft nicht so
schnell, ich habe "verzögerte Zugriffszeiten". Es ist dabei natürlich
schwer zu sagen, wie es wäre, wenn es anders wäre. Einesteils baue ich
immer noch auf, andererseits baue ich vielleicht schon mit dem Alter ab.
Was hatte sich in Ihrem Leben durch die
Amnesie verändert?
- Es ist eine sehr beängstigende existentielle Erfahrung, wenn man sich auf
sich selbst nicht mehr verlassen kann, wenn man nicht mehr unterscheiden kann
zwischen Phantasie und Wirklichtkeit, zwischen Traum und Erlebtem, wenn man kein
Gespür mehr hat für Situationen, - z.B. wenn "was in der Luft
liegt", oder wenn man evtl. "zu weit geht". Die alten Werte
galten nicht mehr. Wenn man dasteht und hat nur noch das nackte Leben, dann hat
alles einen anderen Wert. Ich hörte oder sah im Fernsehen, worum Leute
wetteifern, und ich verstand es nicht, daß Sie sich für irgendwelche Dinge
oder Titel "ein Bein ausreißen".
Ich fühlte mich zeitweise, als hätte man mir "die Batterie
rausgenommen", hatte dann keinen Antrieb und keinen Willen mehr, oder wußte
zumindest nicht was ich wollte. Andererseits Hatte ich keine Ruhe, war ständig
"auf Trab", wollte ich das vergessene Leben wie im Zeitraffer wieder
aufholen, wollte zurück in die alten Verhältnisse, aber die gab es nicht mehr.
Die Schule war auch beendet, die Freunde waren weg zum Studium oder zur
Bundeswehr, meine Freundin hatte sich auch abgewandt, meine Mutter war völlig
"aus dem Gleis" und erkrankte selbst.
Empathische Empfindungen wie Freude und Trauer konnte ich nicht mehr empfinden,
ich konnte auch gar nicht mehr lachen.
Ethische Begriffe wie Ehre, Würde u.ä. waren mir erstmal fremd. Ich hatte wie
ein kleines Kind keinen Sinn mehr für Humor und Ironie, kein
Gespür für die Töne "zwischen den Zeilen". Ich nahm alles wörtlich,
- wie "das Sams" in dem Kinderbuch.
Es fiel mir schwer zu trennen zwischen Geschichte und Geschichten. Was
unterscheidet z.B. die Geschichte vom Christkind vom Märchen von
Rotkäppchen? (Krippe und Hexenhaus standen auf dem Dachboden jedenfalls
nebeneinander)
Ich hatte auch keinen Geschmack mehr, und konnte nur eingeschränkt riechen. Das
habe ich erst im Lauf von Jahren wieder gelernt, und ich kann es offenbar immer
noch weniger als andere.
Ich war auch wohl einige Zeit recht distanzlos geworden, und diese Eigenschaft
ist mir auch bei anderen Amnesie-Betroffenen aufgefallen.
Wie hat Ihre Umwelt auf Ihre Amnesie
reagiert?
- Wenn es so ist, wie ich es empfunden habe, dann hat man wohlwollend,
tolerant und hilfsbereit reagiert. Manche waren vielleicht selbst verunsichert
bis verängstigt und haben sich zurückgezogen. Manche Ärzte waren schlicht überfordert.
Der erste Neurologe, bei dem ich
mich zur ambulanten Nachbehandlung angemeldet hatte, sagte zu meiner
Krankengeschichte nur "Das ist nicht möglich, so etwas gibt es
nicht! Ich lasse mir mal die Unterlagen schicken."
Es kam auch vor, daß andere meine Unsicherheit zu Ihrem Vorteil ausnutzten. Sie
wußten, daß ich im Zweifel nachgab.
Wenn es irgendwo "hart auf hart" kam, war ich grundsätzlich die
weiche Stelle. (Das ist allerdings nicht nur nachteilig!)
Wie ist es Ihnen gelungen, Ihr tägliches
Leben mit dem Gedächtnisverlust zu bewältigen?
- Speziell meine ältere Schwester hat sich viel um mich gekümmert, mir
Wege gezeigt. Die Wege habe ich dann gelernt, versucht mir einzuprägen. Ich bin
erstmal "einfach mitgeschwommen", habe versucht zu tun, was alle tun,
bin mitgelaufen, habe versucht an Bekanntes anzuknüpfen, war eine
Zettelsammlung in Menschengestalt, habe versucht mir Dinge zu merken. Ich habe
versucht mir Sachen zu merken, habe alles mögliche aufgeschrieben, habe mir
jede Menge "Eselsbrücken" gemacht. Später habe ich 5 Jahre
lang für eine Nachilfe-Agentur gearbeitet, habe mir Lehrbücher beschafft und
erst Nachhilfe für Grundschüler gegeben über den "gemeinen
Dreisatz" bis später zu Differential-, Integral- und Vektorrechnung
für Gymnasium unterrichtet.
Wann und wie ist das Gedächtnis zurückgekehrt?
Hatten Sie eine Therapie, durch die Sie das geschafft haben? Oder kamen die
Erinnerungen von selbst zurück?
- Eine Therapie hatte ich nicht, es gab auch wohl noch keine. Mein Gedächtnis
habe ich wieder aufgebaut wie ein Puzzle: Da sucht man sich geschickterweise
auch zuerst die Ecken (Eckdaten): wer bin ich? wie alt? Eltern? Geschwister?
Zuhause? Wohnort? Straße? Schule? Freunde? Hobbys?
Nach und nach füllte sich das Bild, - aber zumindest anfangs mußte ich
Vertrauten glauben, denn ich wußte ja nicht, was in das Bild hineingehört und
was nicht. Nach und nach fielen mir Einzelheiten wieder ein, und das Bild
fing an selbst zu leben, es vervollständigte sich zunehmend selbst. Mir kommt
es vor, als hätte ich zur neuen Orientierung sogar eine Phase ähnlich wie die
Pubertät nochmal durchlaufen indem ich provoziert habe, absichtlich angeeckt
bin um Reaktionen zu erreichen und mich so in der Umwelt zu reflektieren.
Meinen Sie, dass das Gedächtnis tatsächlich,
wie man oft sagt, die
Identität eines Menschen ausmacht?
- Ich glaube, daß das Gedächtnis zumindest ein entscheidender Bestandteil
der Identität ist, aber die Identität beschränkt sich ja nicht auf das
Bewußtsein. Was genau ist die Identität? "Wer bin ich?" /
"Wie bin ich?" und "Wie war ich?".
Haben Sie das Gefühl, dass Sie durch die
Amnesie ein anderer Mensch
geworden sind, als Sie es vorher
waren?
- Ja und nein. Natürlich haben die Amnesie und deren Begleiterscheinungen
mich verändert, ich habe Ich habe völlig "neben mir gestanden" und
"neben dem Spiel". Ich habe das Leben wie von außen betrachtet, hatte
eine "Auszeit" außerhalb des Spielfeldes. Der Blick von außen verändert.
Über längere Zeit bin ich distanzloser geworden, als ich es vor der Amnesie
war. (Dasselbe ist mir auch bei anderen Mitgliedern unser Guppe aufgefallen) .Prägende
Eigenschaften wie Verantwortungsgefühl, Beharrlichkeit, technisches Interesse,
Kinderliebe, "eine Macke" für Autos, Neigung zum Basteln und
Unordnung sind offenbar dauerhaft wie die Haarfarbe, - obwohl ich mich anfangs
nicht mal an meinen Rasierapparat und die Kaffeemaschine getraut habe, habe ich
schon während des stationären Aufenthalts im Krankenhaus einem Zivi geholfen
an seinem Käfer einen den Motor zu wechseln, Ich habe manches stärker zu schätzen
gelernt, anderes hat an Bedeutung verloren.
Aber im Großen und Ganzen fühle ich mich wieder wie vorher, nur gereifter. Für
mein Empfinden ist mein Lebenslauf schlüssig, das paßt zueinander.
Welche wichtigen Erfahrungen gewinnt man
durch einen Gedächtnisausfall?
- Was "man" gewinnt, kann ich nicht sagen. Zum Leben gehört
für mich einiges mehr als das was meßbar ist. Für mich ist das Leben
wertvoller geworden, es ist für mich keine Selbstverständlichkeit sondern ein
Geschenk. Ich weiß auch "Selbstverständliches" zu schätzen.
Ich kenne inzwischen mehr als 10 Leute mit einer Amnesie-Erfahrung , und jede
Geschichte und Krankheitsgeschichte ist unterschiedlich. Trotzdem haben
wir alle die eine und andere Parallele darin. Wir müßten diese Frage bei einem
unserer nächsten Treffen mal besprechen.
Welchen Rat kann ich einem heute
Betroffenen geben?
- Sehr viel aufschreiben hilft auf mehreren Ebenenen!
Wenn ich etwas aufschreibe, dann geht mir das vorher "durch den
Kopf", ich muß es vorher im Kopf artikulieren. dann bringe ich es zu
Papier, und ich habe es zusätzlich "vor Augen", habe zusätzlich eine
optische Erinnerung. Dann kann ich es weglegen, und habe den Kopf wieder frei,
ohne das alles weg ist. Wenn ich mir das aufgeschriebene wieder ansehe, kann ich
die Darstellung verändern, nötigenfalls richtigstellen. Ich empfehle viel
Zuversicht und Durchhaltevermögen, - die sind das A und O.
Auch wenn ich von medizinischer Seite manchmal höre "Was nach 2 Jahren
nicht regeneriert ist, das kommt auch nicht mehr", - bei mir war und
ist das anders.Speziell indirekte Eigenschaften wie Selbstbewußtsein,
Selbsteinschätzung, Selbstwertgefühl, die Fähigkeit zur freien Rede und zum
offenen Konflikt, auch technische Sicherheit dauern länger und kommen
totzdem zurück. Die meisten irgendwann erreichten Zustände sind nicht endgültig,
sondern sind Durchgangsstadien zum nächstbesseren Zustand. - Mein Motto ist:
Wer zum Licht sieht, hat die Schatten hinten.
- Eine weitere Maxime von mir ist: Nichts ist ausschließlich schlecht.
Alles hat mindestens zwei Apekte, und es ist meinem Geschick überlassen, für
mich den besten bzw. angenehmsten Aspekt der Sache zu finden und vielleicht für
mich nutzbar zu machen: Man kann auch gegen den Wind segeln, und ein
Papierdrachen z.B. fliegt nur im Gegenwind.
Welchen Stellenwert hat diesbezüglich
die Selbsthilfegruppe "Der Weg zum Alltag" ("www.amnesie-selbsthilfe.de")
?
Der Austausch unter Betroffenen ist sehr wertvoll, wir haben jede/r unsere
Geschichte selbst erlebt und stecken noch drin.
Mediziner, Juristen und andere Helfer haben eine andere,
- auch notwendige (und hoffentlich qualifizierte) Sicht von außen. Ohne
die Hilfe von außen wäre ich verloren gewesen. Aber die
"Helfer" brauchen auch unsere Erfahrungen als Betroffene, die
Vorstellungskraft Außenstehender reicht meist nicht aus.
Als ich mich 1971 nach der stationären Krankenhausphase beim
niedergelassenen Neurologen und Psychiator zur ambulanten Nachbehandlung
anmeldete, sagte er zu meiner Krankengeschichte "Das kann nicht sein, so
etwas gibt es nicht", und als ich später bei ihm psychischen Beistand
suchte, sagte er "Dafür gibt es keine Pillen". Auch heute - im Jahr
2004 - habe ich kürzlich noch von Mediziner-Seite noch gehört "Was nach 2
Jahren nicht regeneriert ist, das kommt auch nicht mehr zurück". Ich
selbst aber stand nach 2 Jahren noch ziemlich am Anfang meines Weges, und ich
war erfreut und erstaunt zu realisieren, daß ich auch nach mehr als 20 Jahren
noch wesentliche Schritte "zurück zu mir selbst" gemacht habe. Mit
anderen Amnesie-Betroffenen teile ich z.B. auch das anfängliche Gefühl völlig
"in der Luft gehangen" zu haben. Uns fehlte jeder Bezug und Maßstab.
Wir können jetzt füreinander Bezugsgrößen und Maßstäbe sein. Als weitere
Verhaltensparallele ist mir auch bei anderen Mitgliedern aufgefallen, daß nahe
Verwandte (Ehepartner), Freunde, Bekannte manchmal
dazu neigen, für uns Verantwortung zu übernehmen bzw. uns zu bevormunden. Natürlich
ist das anfangs notwendig, aber es kann zu einer Rolle werden, aus der wir kaum
wieder rauskommen. Ein solches Rollenverhalten hat natürlich auch bequeme
Aspekte, vereinfacht manches und kann Konflikte entschärfen, - es kann aber
auch für eine Ehe oder Karriere tödlich sein (Würdeverlust bis Entmündigung).
Darauf können wir uns in der Gruppe gegenseitig gefahrlos aufmerksam machen,
denn wir sind nicht in Konkurrenz zueineinander.
Manche von uns sind infolge der Amnesie auch distanzlos bis gefährlich arglos
geworden. Auf diese Erfahrungen machen wir uns u.a. aufmerksam, dann können wir
versuchen darauf einzuwirken.
Wie sieht mein Leben heute aus?
- Mein Alltag sieht aus wie der von jedermann: er ist anders als alle
anderen und trotzdem derselbe wie der anderer Leute.
Ich bin Maschinenbau-Ingenieur, habe einen festen Arbeitsplatz (seit 23 Jahren
derselbe Arbeitgeber), habe 2 fast erwachsene Kinder, fahre gerne Rad und Auto,
mag Wildwasserpaddeln, reise sehr gern, und ich bin gespannt auf jedes neue
Kapitel in meinem Leben.
Ich empfinde mein Leben wie einen Roman, in dem ich zugleich Akteur und Ko-Autor
bin, und dieser Roman gefällt mir sehr.
Manfred Braun