Vergessen

Wenn Menschen plötzlich die Erinnerung fehlt, sprechen Ärzte von einer Amnesie. Sie kann nach wenigen Stunden vergehen – oder ein Leben lang andauern


Gedächtnislücken hat jeder einmal. Das ist mitunter lästig, aber meist nicht weiter schlimm. Bei Thorsten Hermann (Name von der Redaktion geändert) schon. Der Leipziger vergisst nicht manchmal etwas, sondern ständig alles. Wo er denn gerade sei, fragt Psychologin Tina Jentzsch. Ihr Gegenüber schweigt. Es dauert, bis ihm ganz leise ein „Schwer zu sagen“ über die Lippen kommt. Einmal in der Woche besucht er die Tagesklinik für Kognitive Neurologie des Universitätsklinikums in Leipzig. Jeder andere wäre schon nach kurzer Zeit vertraut mit dem Ort. Auf Hermann scheinen die Räumlichkeiten fremd zu wirken. Für ihn muss jede Sitzung wie die erste sein. Nicht nur das, auch die Uhrzeit, das Datum, ja selbst sein Alter entfallen dem 42-Jährigen innerhalb kürzester Zeit. Sein Leben beginnt praktisch alle paar Minuten neu.


Eine schwere Form von Amnesie“, beschreibt die Neuropsychologin Dr. Angelika Thöne-Otto den Zustand von Thorsten Hermann, den sie bereits seit mehr als einem Jahr betreut. Rund 10000 Betroffene soll es in Deutschland geben, besagen die Schätzungen. Eine geringe Zahl, verglichen mit anderen Gedächtnisstörungen wie der Alzheimer-Krankheit. Unter dieser Demenzform leiden hierzulande 650000 Menschen. Im Gegensatz zu Alzheimer – einer Krankheit, die typischerweise schleichend verläuft – setzt eine Amnesie plötzlich ein. Bei einigen Patienten dauert die Störung nur wenige Stunden, bei anderen ein Leben lang. Manchmal spielen psychische Gründeeine Rolle, vermuten Mediziner. Meistens aber steckt eine handfeste Verletzung im Gehirn hinter einer Amnesie.


So auch bei Thorsten Hermann. 1992 besucht er eine Schulung im Erzgebirge. Für einen Ausflug zwängt sich der gut 1,90 Meter große Leipziger auf die Rückbank des Kleinwagens eines Freundes. Auf der Strecke schätzt der Fahrer eine Linkskurve falsch ein, das Auto rast die Böschung hinunter. Hermann bleibt bewusstlos in den Trümmern eingeschlossen liegen – mit Verletzungen im Bauchraum und einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. Seine Bergung dauert Stunden.


Mit Spickzetteln und Eselsbrücken

Erst nach fünf Wochen wacht er aus dem Koma auf. Die Rückkehr ins Leben dauert Jahre, unter anderem muss er das Laufen neu lernen. Heute, gut 16 Jahre nach dem Ereignis, sieht man ihm den Unfall äußerlich nicht mehr an. Die Spuren des Schädel-Hirn-Traumas werden allerdings nie verschwinden. Er unterzieht sich mehreren Therapien. Seine Amnesie heilen werden sie nicht, es geht nur darum, mit seinem gestörten Gedächtnis den Alltag möglichst problemlos zu meistern.


Ohne kleine Eselsbrücken und Spick-zettel – auf denen Termine, Adressen und Namen stehen – schafft Hermann das nicht. So brachte Tina Jentzsch ihm etwa bei, wie er auf die Frage nach dem Datum trotz seines fehlendes Zeitgefühls eine Antwort geben kann. Statt seine Erinnerung zu bemühen, schaut er jetzt auf die Uhr. Da steht das Datum, weiß er. Ein Mechanismus, der in prozeduralen Bereichen des Gehirns gespeichert ist, Orten also, die vor allem Handlungsabläufe verarbeiten. Dies gelingt Hermann weiterhin ganz gut. Sogar seine Ärzte brachte er damit schon zum Staunen. Vor Kurzem lernte er in einer Werkstatt für Behinderte, Holz zuzusägen. Als er am nächsten Tag wieder in die Werkstatt kam, erinnerte er sich zwar nicht mehr an den Vortag, sägte aber spontan alle Teile richtig.


Selbst sein Gedächtnis ist durch den Unfall nicht völlig ausgelöscht. Erinnerungen an sein früheres Leben hat er durchaus. So weiß er noch genau, wie er am 9. November 1989 den Mauerfall erlebte. „Ich saß zu Hause vor dem Fernseher.“ Damals sei er bei der Armee gewesen. „Nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber es gehörte halt dazu“, erzählt Thorsten Hermann auf einmal wie selbstverständlich aus seiner Vergangenheit.

Bei der Frage nach den Montagsdemonstrationen in Leipzig lassen ihn dann seine Neurone wieder im Stich. „Nein, da war ich nicht dabei“, glaubt er zunächst. Erst als seine Mutter davon erzählt, wie er damals in der Leipziger Innenstadt Elautstark „Wir sind das Volk“ gerufen hat, kommt die Erinnerung zurück. Sogar einige Bilder aus jener Zeit erscheinen auf einmal. „Die ganzen Straßen voller Kerzen, das war schön.“ Für einen kurzen Moment meint man, den ganz normalen Thorsten Hermann aus früheren Zeiten vor sich zu haben. „Ein sehr präsenter, freundlicher Mensch“, erinnert sich Mutter Christa. Doch wenn sie ihn jetzt nach seinem Alter fragen würde – er wüsste es wahrscheinlich nicht.


Zustande kommt dieser selektive Ausfall, weil das menschliche Gehirn seine Arbeit auf verschiedene Areale verteilt. Das Großhirn zum Beispiel ist das Zentrum unserer Wahrnehmungen, unseres Bewusstseins, Denkens, Fühlens und Erinnerns. Im Zwischenhirn liegt der Bereich, in dem Gefühle wie Freude, Angst oder Wut entstehen.


Die Aufgabe des Kleinhirns besteht unter anderem darin, automatisierte Bewe-gungsabläufe zu speichern. Bei Hermanns Autounfall wurden nicht alle Areale beschädigt, und wenn, dann nicht komplett. Die Informationen über die Bewegungsabläufe beim Sägen von Holz haben seine Nervenzellen (Neurone) offenbar pro-blemlos in dem intakten Kleinhirn abgelegt. Dass er diese Tätigkeit erst vor Kurzem erlernt hat, konnten sich seine lädierten Antriebs- und Gedankenfelder im Großhirn nicht merken.


Stadtplan immer noch präsent

Selbst in den verletzten Bereichen haben bei Thorsten Hermann viele Neurone überlebt. Deswegen die bruchstückhaften Erinnerungen an frühere Zeiten. Manche Informationen liegen sogar noch vollständig vor. So hat er zum Beispiel kaum Probleme mit der Orientierung in Leipzig. Der in seinen Nervenzellen gespeicherte Stadtplan blieb von den Unfallverletzungen offenbar verschont. Das hatte sich gleich am ersten Tag in der Tagesklinik bei Angelika Thöne-Otto gezeigt. Die Betreuer ließen Hermann für ein paar Minuten allein im Wartebereich. Plötzlich war er weg. „Ich sah niemanden mehr und bin halt nach Hause gegangen“, erzählt er. Dort kam er nach einer Viertelstunde auch an. Er hatte den richtigen Bus genommen und sich auch in den Straßen zurechtgefunden.


Wie kommt es zu solchen Ausfällen? Wie alle anderen Gewebe im Körper brauchen Neurone Nährstoffe und Sauerstoff, beides liefert das Blut. Die Besonderheit im Gehirn: Nervenzellen benötigen sehr viel davon, können aber nur wenig speichern. So erklärt sich auch, dass ein Gehirn nur etwa zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber gut 20 Prozent des aus dem Herzen in den Körper gepumpten Blutes erhält.


Wird die Versorgung gestört, führt das schnell zu Problemen. So eine Störung kann zum Beispiel ein Schädel-Hirn-Trauma sein. Hier treten mit-unter starke Blutungen im Gehirn auf, die Zufuhr von Nährstoffen und Sauerstoff setzt dabei in den betroffenen Gebieten aus. Unter diesen Umständen sterben Nervenzellen bereits nach wenigen Minuten ab. Auch bei Schlaganfällen kommt es durch Blutungen und Verschlüsse der Arterien zu einer Mangelversorgung der Neuronen.


Aber es gibt noch weitere Gefahren: Entzündungen, Infektionen mit Viren und Tumoren können unserem Gehirn so stark zusetzen, dass die Neurone nicht mehr richtig arbeiten oder zugrunde gehen. Trifft es dabei Bereiche, deren Aufgabe die Gedächtnisbildung oder Erinnerung ist, droht eine Amnesie.


Nur in seltenen Fällen folgt darauf eine so schwere Störung wie bei Hermann. Oft sind Neurone nur vorübergehend in ihrer Funktion beeinträchtigt. Die Amnesie bleibt zwar bestehen, betrifft aber lediglich einen begrenzten Zeitabschnitt. „Bei einem unfallbedingten leichten Schädel-Hirn-Trauma erinnern sich Patienten dann nicht mehr an den Unfall selbst“, sagt Angelika Thöne-Otto. Oder sie wissen nicht mehr, wie es dazu kam.


Zu einer leichten Amnesie zählt auch der klassische Filmriss nach einer durch-zechten Nacht“, erläutert Professor Dirk Sander von der Neuologischen Klinik Bischofswiesen. Dass bei übermäßigem Alkoholgenuss die Nervenzellen nicht mehr richtig arbeiten, kennt jeder, der schon mal zu tief ins Glas geschaut hat. Wenn das Kleinhirn betroffen ist, spricht ein Betrunkener undeutlich und sieht Doppelbilder. Betäubt der Alkohol die Gedächtnisbildung, setzt diese Funktion des Gehirns vorübergehend aus. Sie kehrt erst mit sinkenden Promillewerten im Blut zurück. Die Erinnerung an die Stunden im Vollrausch fehlt dann allerdings.


Eine weitere, relativ häufige Form der leichten Gedächtnisstörung ist die sogenannte „transiente globale Amnesie“. Sie setzt urplötzlich sowie ohne Vorwarnung ein und dauert zwischen einer und 24 Stunden. Betroffene sind währenddessen nicht mehr in der Lage, neue Gedächtnisinhalte zu speichern.


Auslöser können stark emotionale oder angstverursachende Situationen sein, etwa der Besuch beim Zahnarzt oder ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Dirk Sander. Was dabei genau im Gehirn passiert, wissen Mediziner noch nicht. Allerdings zeigen bildgebende Verfahren bei den Patienten kleine Durchblutungsstörungen in einem Hippocampus genannten Gehirnareal. So eine Attacke geht jedoch wieder vorbei. Nur mit kleinen Problemen beim Merken von Namen müssen Patienten in den Wochen danach rechnen.


Seelenqual reißt große Lücken

Es gibt allerdings auch Amnesien, bei denen Ärzte überhaupt keine körperlichen Ursachen für die Gedächtnisstörung finden. „Solche Formen von Amnesie können eintreten, wenn Menschen unangenehme Dinge oder Ereignisse nicht wahr-haben wollen“, erläutert Sander. Dazu zählen unter anderem starke seelische Belastungen, zum Beispiel Zeuge eines schweren Unfalls zu sein. Die Ursachen einer solchen Amnesie zu finden gelingt oft nur mit einer ausführlichen Psychotherapie. Mit unterschiedlichsten Methoden versuchen Ärzte dann, zumindest einen Teil der Vergangenheit der Patienten zurückzuholen und deren Gedächtnis zu trainieren. Heilbar ist diese Krankheit aber meistens nicht mehr.



Quelle: Apotheken Umschau/Burkhardt Röper